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Gundula Schulze Eldowy
Ausstellung
GUNDULA SCHULZE ELDOWY
Berlin. In einer Hundenacht. Photographien 1977 – 1987
Eröffnung
5 JUL 2000, Einführung: Carl Aigner, Direktor der Kunsthalle Krems
Dauer
6 JUL – 12 AUG 2000
Pressetext
Photographien haben die Eigenschaft, sich im Innern fortzusetzen. Sie tauchen auf und gehen, ganz nach Belieben, als führten sie ein Eigenleben, das unabhängig vom menschlichen Willen existiert. "Ich bewege mich in den Erinnerungen meiner vergangenen Tage", schreibt die 45-jährige Berliner Photographin. "Plötzlich halte ich ein Bild in der Hand, das ich längst vergessen hatte. Es zeigt David, einen 6-jährigen Jungen, der gerade mit einer Spielzeugpistole auf jemanden schießt. Im Hintergrund die Plakatgesichter von Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck auf einer abgebröckelten Berliner Häuserfassade." Das Photo entstand 1980.

Das Besondere an den Aufnahmen Gundula Schulze Eldowys ist neben ihrer poetischen Dichte der Zeitpunkt. Sie entstanden nämlich in den 70er - 80er Jahren, kurz vor dem Mauerfall. Es erstaunt zu sehen, wie lange der Krieg anhielt. Wie schnell nach der Wiedervereinigung auch das Berliner Milieu verschwand, jene Mischung aus Subkultur und Arbeiterleben, die die Vitalität und Lebendigkeit der Stadt ausmacht. Es sind Bilder von Verrat, Neid, Wahnsinn, Tod und Verzweiflung. So sind es nicht nur die Kriegswunden, die einem auf den Photos entgegentreten. Es ist die ganze Lebensart der Vergangenheit. Sofort wird klar, was seit der Wende verloren gegangen ist: Sinnlichkeit, Nähe, Vitalität, Direktheit, Witz, Gelassenheit, Lebenslust.

Hinter brüchigen Fassaden findet die Photographin eine Lebenskraft, die zwischen Poesie und Improvisation hin und her schwankt. Keine wohlerzogenen Gesten, keine Sterilität, kein Standard. Deutscher Ordnungssinn hält hier nichts unter Kontrolle. Jeder macht, was er will. Auch die Photographin. Sie nutzt die Freiräume und zieht von 1977 bis 1987 täglich durch die Straßen. Sie trifft Menschen, die von der Vergangenheit geprägt sind und ihr eine Menge zu erzählen haben. Sie photographiert, aber sie schreibt auch auf. Geschichten, wie "Guten Morgen, hast du gut geschlafen?", geben die Sicht von innen wieder. Die Photographin ist keine Beobachterin, sie steht mitten im Geschehen. Das spürt der Leser und Betrachter sofort. Die Bilder von "Berlin. In einer Hundenacht" ergreifen, berühren. Daneben zeigt die Ausstellung vier weitere photographische Zyklen: "Tamerlan" (1979-87), "Aktportraits" (1983-86), "Arbeit" sowie die Serie "Straßenbild" (1980-90).

Es ist die Intensität, die diesen Photos ihren besonderen Charakter verleiht, sie weit über einen dokumentarischen Anspruch hinaus erhebt. Bilder, die durch und durch gehen und die man nicht vergißt.
Einem kleinen Kreis privater Förderer und Freunden war es zu verdanken, daß diese Arbeiten im Frühjahr 2000 im Berliner Postfuhramt erstmals zusammenhängend zu sehen waren. Das überwältigende Presse- und Besucherecho dieser Ausstellung bestätigt das gegenwärtig starke Interesse an Dokumentarphotographie.
 
Zum Werk
"Alles, was nicht normiert ist, kommt weg, wird verpönt, verspottet, ausgelacht, denunziert und bekämpft. Eine anonyme, leere und stille Welt, die reich und sauber ist, ohne materielle Not. Es wird nicht mehr kostbar sein, das Leben."
 
Gundula Schulze Eldowy, 1987
 
Die künstlerische Entwicklung von Gundula Schulze Eldowy vollzieht sich in Zyklen, die den Charakter großer Werkgruppen tragen. Dabei bilden die Photographien aus dem Zyklus "Berlin. In einer Hundenacht." vom Ende der siebziger Jahre einen Ausgangspunkt. Von hier schlägt ihr Œuvre einen Kreis bis zu den künstlerischen Tafelbildern der japanischen Serie "Das flüssige Ohr - Die vier Elemente", der russischen Serie "Moskau 1997", sowie der türkischen Serie "Istanbul 1997/99". Die Stile der Arbeiten wechseln, von Zyklus zu Zyklus, weswegen von Gundula Schulze Eldowy schwer festzulegen ist. Statt Zersplitterung sucht sie das Ganze. Sie ist eine Künstlerin einzigartiger Vielfalt und Wandlung: Eine Einzelgängerin, Abenteuerin und Nomadin.

Ihren internationalen Durchbruch erlebt sie 1988 bei den Rencontres Internationales de la Photographie in Arles. Zwei Jahre später, 1990, holt sie Robert Frank nach New York. Es folgen Ausstellungen in Europa, Asien und Amerika.

1991 stellt die Neue Nationalgalerie Berlin ihre Selbstinszenierungen "Waldo‘s Schatten" aus. 1992 zeigt sie das Museum of Modern Art, New York. Klaus Biesenbach von >Kunst-Werke< Berlin zeigt ihre Serie "Der große und der kleine Schritt" in der Schau "Getrennte Welten" 1992 mit Nan Goldin. 1996 bekommt sie den bedeutenden internationalen Photopreis Japans "The 12th Prize for Overseas Photographers of Higashikawa Photo Fiesta".

Ihre Photographien gehören bedeutenden Privatsammlern sowie zu den Beständen großer Sammlungen, wie beispielsweise dem Museum of Modern Art, New York, oder der Bibliothèque Nationale, Paris. Neben der photographischen Arbeit entstehen Gedichte, Erzählungen sowie Kurzgeschichten, Dia-Ton-Collagen, Videos und Musik.
 
Pressestimmen
"... Beeindruckend sind die Ehrlichkeit und die Liebe, mit der sie ihre Gegenüber in Szene setzt." (Die WELT, 26.4.2000)

"... Im späten DDR-Berlin, sagt Schulze Eldowy, hat sich die Zeit gedehnt, in der neuen Bundesrepublik rast sie dahin. Eine Zeitschleuse zum Umgewöhnen gab es nicht." (Süddeutsche Zeitung, 25.4.2000)
 
Frankfurter Allgemeine Zeitung
Wenn nicht alles täuscht, dann wird das Kunstleben (...) um ein wirkliches Ereignis reicher sein, um die Fotoausstellung von Gundula Schulze Eldowy mit dem bizarren Titel "Berlin. In einer Hundenacht". Die Fotografin, Jahrgang 1954, wurde nach ihren eigenen Worten "in Deutschland geboren", hat in Leipzig studiert und nach dem Fall der Mauer die halbe Welt gesehen. In Japan gewann sie den Preis eines renommierten Fotofestivals, Robert Frank, der Guru einer neuen, lebenshungrigen, die Menschen distanzlos umarmenden Fotokunst, war so von ihren Bildern angerührt, dass er sie einlud, ihn in den Vereinigten Staaten zu besuchen — was sie getan hat. Die Aufnahmen (...) wurden zwischen 1977 und 1987 in Berlin gemacht, sie zeigen also das Leben "davor", und zwar das im Osten.
Wir sehen trostlose Straßen und vom Alter blind gewordene Fassaden, auf denen alle Bilder und alle Inschriften, sie mögen zeigen oder verkünden was auch immer, nur noch Schemen sind. Zu Schattenwesen, unwirklich und grotesk, werden auch die Teilnehmer der Paraden, die manchmal durch so eine Straße marschieren. Wahrheit oder Lüge, das ist hier nicht die Frage, alles bekommt hier einen Hauch von Unwirklichkeit. Und doch ist diese Schattenwelt überreich an Leben. So wie diese Fotokunst viele graue Zwischentöne kennt, so ähnlich gedeiht hier in einem Niemandsland zwischen Gut und Böse, zwischen Offiziellem und Privatem, zwischen Erlaubtem und Verschwiegenheit eine faszinierend reichhaltige Menschenfauna mit bizarren Wesen, die Gundula Schulze Eldowy mit nimmermüder Neugier vor die Kamera holte. Es sind merkwürdige Gestalten darunter, Sonderlinge und Bohèmefiguren, Rentner und Spießer, aber kein einziger sieht aus, als würde er an Langeweile leiden. Jeder ist würdevoll, jeder ist liebenswert. Sie stehen vor der Kamera und lachen wie für ein Hochzeitsfoto, oder sie tragen den herben Ausdruck von Pflichterfüllung im Gesicht, obwohl sie vielleicht nur um die Ecke gehen, um etwas einzukaufen. Die Handtasche halten sie, als wäre sie eine Waffe, und in der Mangelgesellschaft der DDR war sie das wohl auch. Der abgemagerte Freund des Alkohols und das übermütig tätowierte Freundespaar haben keine Hemmung, sich nackt zu zeigen.
Überhaupt hat hier keiner Angst vor dem bösen Blick des Objektivs, es herrscht eine Atmosphäre entspannter Zutraulichkeit. Man merkt all diesen Menschen an, dass sie die Fotografin kennen und als eine der ihren akzeptieren. Das ist das große Geheimnis dieser Fotografin, dass sie es immer wieder schafft, diese Vertraulichkeit zu schaffen. Niemals werden die Menschen von ihr belauscht, heimlich beobachtet oder zum Objekt einer interessanten Bildkomposition degradiert. So fotografiert nur jemand, der unter denen lebt, die er fotografiert, der wirklich einer von ihnen ist, und bei Gundula Schulze Eldowy damals in Berlin war das so. Vieles von dem, was sie damals erlebte, hat sie übrigens auch in Erzählungen festgehalten. Sie sind von den gleichen Personen bevölkert, die man von ihren Fotos kennt. (...)
(Wilfried Wiegand, Menschenfauna — Gundula Schulze Eldowys Fotos ab heute im Postfuhramt, FAZ, 1.4.2000)
 
 
art — Das Kunstmagazin
Ein kleiner Junge feuert seine Spielzeugpistole ab. Hinter seinem Rücken, auf fleckiger Wand, prangen die Gesichter der KPD-Vorsitzenden Ernst Thälmann und Wilhelm Pieck. Alltag in der DDR, aufgenommen vor 20 Jahren von Gundula Schulze Eldowy. Ihre Motive fand die heute 45 Jahre alte Fotografin auf den Straßen der Hauptstadt. Berlin 1980: "Nie wieder Krieg" steht auf einer Wand; daneben — ein Schutthaufen. Berlin 1982: Ein Rentnerpaar küsst sich auf einer Parkbank. Berlin 1987: Eine Militärkapelle marschiert durch die Straßen, ein Zivilist zackig vorneweg. Manches auf diesen Bildern ist banal, vieles bitter.
Was die in Leipzig ausgebildete Künstlerin mit ihrer "Praktica VLC" einfing, sind Szenen aus dem real existierenden DDR-Leben, ohne Beschönigung, aber auch ohne Sarkasmus. Die nüchternen Schwarzweißfotos aus den Jahren 1977 bis 1987 sind nun im Postfuhramt in Berlin unter dem Titel "Berlin — in einer Hundenacht" zu sehen. Schulze Eldowy blickt hinter die Mauern des Sozialismus und findet Momente des Glücks und der Tristesse. Sie zeigt nackte Menschen ohne Pose und Staatsaufmärsche ohne Pathos, die schwierige Lebensgeschichte einer einsamen Frau und den harten Arbeitsalltag in den veralteten Stahl-, Gummi- und Fischfabriken der DDR. Ausgestellt ist eine teilnahmsvolle Innenansicht der DDR.
(Kia Vahland, Zwischen Hoffnung und Tristesse - Im Berliner Postfuhramt sind Fotos aus den letzten Jahren der DDR zu sehen, art — Das Kunstmagazin, Hamburg, 4/2000)
 
 
Berliner Zeitung
(...) Gundula Schulze Eldowy hat nicht nur Menschen fotografiert, sie hat sie auf der Straße angesprochen, hat sich Zeit genommen und ihren Geschichten zugehört. Sie ist Teil ihres Lebens geworden und umgekehrt. Wer so arbeitet, zeigt keine heimlichen Blicke, macht keine unbemerkten Schnappschüsse. Die Menschen fühlen sich wohl vor der Kamera, und das ist die Kunst der Fotografie. (...) Mit der Serie "Tamerlan" hat Gundula Schulze Eldowy die wohl eindrucksvollste, unvergesslichste Reportage dieser Zeit fotografiert. Tamerlan ist eine alte Frau, deren Leben und Sterben die Fotografin acht Jahre lang als Freundin, als Ersatztochter sozusagen begleitete. Wie zu anderen Fotos hat sie auch über diese Bekanntschaft einen längeren Text geschrieben, der vom Kennenlernen erzählt (...).
Erst in den sechziger Jahren konnten sich in der DDR Künstler der sozial determinierten und individuellen Dokumentarfotografie als Kunstform zuwenden. Als wohl wichtigste Vertreterin dieser frühen Dokumentarfotografie gilt die Leipziger Hochschullehrerin Evelyn Richter. Die nächste Generation von Leipziger Fotografie-Studenten, zu denen wohl auch Gundula Schulze Eldowy gehörte, vertieften die Milieustudien noch. Sie erweiterten ihre Fotoserien durch eigene Erklärungen, ließen die Porträtierten selbst in kurzen Texten zu Wort kommen oder schrieben kleine Geschichten über die Menschen und die Entstehung der Bilder.
Der amerikanische Fotograf Robert Frank, den Gundula Schulze Eldowy während ihres Studiums an der Hochschule für Grafik und Buchkunst in Leipzig kennen gelernt hat, schreibt in einem Brief an sie: "Du bist ein talentiertes Tier, fähig die Türen zu öffnen, und dann auf der Heimreise findest du diese Souvenirs in der Tasche." Doch bei aller Zuneigung, bei allem Sich-Einbringen, hat die Fotografin nie ihr Ziel vergessen. Ihre 1983 — 1986 entstandenen Aktserie ist eine vielschichtige Sozialstudie, die von Lebenswünschen und der Wirklichkeit der Porträtierten erzählt. (...)
(Uta Baier, Ein Fenster in die Vergangenheit — Für das Gedächtnis: Gundula Schulze Eldowy mit Fotografien aus der DDR im Berliner Postfuhramt, Berliner Zeitung, Nr. 890, 15./16. April 2000)
 
 
Frankfurter Rundschau
"Der Mensch", sagt die Fotografin Gundula Schulze Eldowy, "sieht mit dem ganzen Körper." Der große Eindruck aus Raum und Zeit, die Gesamtheit der Töne und Gerüche, die Farben, Helligkeit und Dunkelheit, all das versuche sie auf einer kleinen Fläche zu bannen. Deswegen hat das Gesehene nicht mehr viel mit dem Festgehaltenen zu tun. Ein Bild gehorche eben niemals ganz dem Willen. Lothar zum Beispiel. Als sie ihm 1982 begegnet, ist er Bote bei der Ostberliner U-Bahn. 50 Jahre alt. Über seinen Schultern hängt wie bei einem großgewordenem Kind eine abgewetzte Aktentasche. Er steht im Hof einer Mietskaserne und blickt mit leicht gebeugtem Kopf, aber fordernd in die Kamera, ganz so, als könne diese 125tel Sekunde seinem Leben Würde verleihen. Später, nachdem er die Aktfotos von Gundula Schulze Eldowy gesehen hat, wird er selbst den Wunsch danach äußern. Er wird sich ausziehen, wird sich auf die karierte Decke seines hochklappbaren Schrankbettes setzen, wie man sie nur aus Jugendzimmern kennt, zu seiner Rechten der Kachelofen, zu seiner Linken der Fernseher und über ihm die Bar: lauter leere Schnapsflaschen, die ihm geholfen haben, das Leben etwas von ihm abzuspülen. Die Fotos von Lothar sind Teil eines Zyklus. "Berlin. In einer Hundenacht" hat Schulze Eldowy, Jahrgang 1954, diese Bilder genannt, die in den siebziger und achtziger Jahren in Ostberlin entstanden, und die, nachdem sie längst ein internationales Renommee genießt und ihre Arbeiten im New Yorker Museum of Modern Art gesammelt werden, endlich auch in Berlin zu sehen sind. (...)
Schulze Eldowys Fotos, das macht sie so stark, sind keine einseitigen Geschäfte. Denn nur weil sie selbst so nah an die Menschen heran und die Kamera in den Hintergrund rückt, wird sie mit Intimität entlohnt. Dass ihre Fotos aus dem wegretuschierten Ostdeutschland, die Arbeiterinnen in der Fischfabrik, der Irre, der vor dem Militärzug marschiert, erst jetzt dort zu sehen sind, wo sie entstanden sind, ist auch ein Anzeichen dafür, wie stark sie sind (...).
(Martina Meister, Lothar zum Beispiel — Gundula Schulze Eldowys Fotografien sind keine einseitigen Geschäfte, Frankfurter Rundschau, 20./21.4 2000)