DE
|
ENG
MENU
AUSSTELLUNGEN
KÜNSTLER
MESSEN/INTERNATIONAL
NEWS
PUBLIKATIONEN
GALERIE
ENGLISH
DEUTSCH
Rainer Ganahl Sprache der Emigration
Ausstellung
RAINER GANAHL Sprache der Emigration
Lee Elmer, Kurt Frankfurter, Gustav Freud, Stella Hershan, Lily und Herbert Hull, John Kallir, Stella Spitz, – (T.W.), Paula Willman
Eröffnung
13 FEB 2001 Begrüßung: Kulturstadtrat Dr. Peter Marboe; Einführung: Professor Edelbert Köb, Akademie der bildenden Künste Wien
Künstlergespräch
5 MAR 2001 Rainer Ganahl spricht über seine Arbeiten
Dauer
14 FEB – 21 APR 2001
Text
Rainer Ganahl, 1961 in Bludenz geboren, lebt seit über zehn Jahren in New York und ist Konzeptkünstler, der sich seit vielen Jahren mit Fragen der Sprache, der Lebenswelten, der Politik und der Medien beschäftigt. Rainer Ganahls Biografie dokumentiert mit einer Vielzahl an internationalen Ausstellungsbeteiligungen seinen Stellenwert als herausragenden zeitgemäßen österreichischen Künstler. 1999 nahm er als Vertreter Österreichs an der Biennale in Venedig teil.
 
Für das von uns gezeigte Projekt "Sprache der Emigration" führte Ganahl seit 1999 Interviews mit jüdischen Wiener Emigranten, deren New Yorker Umfeld und Sprache er untersucht und in Foto- und Videoarbeiten dokumentiert. So ist eine einmalige, bewegende und von hohem dokumentarischen und künstlerischen Zeitwert geprägte Arbeit entstanden. Ganahl leistet mit diesem Projekt einen kulturpolitisch relevanten Beitrag zur gegenwärtigen Auseinandersetzung mit unserer Geschichte.
 
Rainer Ganahl zu seinem Projekt - Sprache der Emigration:
"Diese Ausstellung  besteht aus Fotografien und Video-Interviews mit 9 Emigranten der 30er und 40er Jahre, die aus religiösen und politischen Gründen von den Nazis verfolgt wurden.
 
Als mich im Frühjahr dieses Jahres (1999) der Zufall mit einer deutschsprachigen Emigrantin zusammenführte, entdeckte ich eine Welt, die meiner Generation nur als Mythos bekannt ist und von deren Realexistenz ich de facto nichts wußte. Aufgrund dieses Zusammentreffens fing ich an, mich um diese Gruppe von damals vertriebenen und aus dem Bewußtsein meiner Nachkriegsgeneration verdrängten Menschen zu interessieren.
 
Ich habe begonnen, deutschsprachige Emigranten dieser Zeit in New York zu interviewen. Die Gespräche werden frei geführt, sind nicht nur auf die erzwungene Emigration konzentriert, sondern auch auf das Leben danach und auf heute. Die Wahl der Sprache ist frei, lehnen doch einige Leute es ab, deutsch zu sprechen. In einigen Gesprächen wandern die Befragten nicht nur zwischen Erinnerungen und Gegenwart, sondern auch zwischen den Sprachen hin und her. Es wird versucht, ein Lebensbild dieser Menschen zu vermitteln.
 
Im Unterschied zu den mir bekannten Ausstellungen, Büchern und Katalogen über diese Auswanderungsgruppe interessiere ich mich nicht nur für bekannte Persönlichkeiten, Künstler, Filmemacher und Fotografen, sondern für alle noch lebenden Menschen, die dieses Schicksal teilen. Abgrenzend auch von der sehr wichtigen Arbeit, die Holocaust-Archive leisten, liegt bei mir der Schwerpunkt nicht so sehr in der Auf- und Durcharbeitung des historischen Traumas, sondern im freien, assoziativen Gespräch, das eine Idee von der Person und ihrem Leben vermittelt. Es steht nicht die ehemalige Opferrolle dieser von den Nazis vertriebenen Menschen im Mittelpunkt, sondern der Erfahrungsreichtum und der damit zusammenhängende kulturelle und sprachliche Schatz, mit dem diese schon älteren, oft schon einsamen Menschen leben.
 
Die Emigrationserfahrung wird über eine Vielfalt von Erzählungen, Akzenten, Wort- und Sprachvermischungen, aber auch über eine Ansammlung von Büchern, Objekten, Bildern, Schallplatten, Lebens-, Eß- und Sprachgewohnheiten erahnt. Die Interviews werden deshalb auch mit Fotos von den Teilnehmern und deren Wohnungen komplementiert. Es wird versucht, Elemente ihres Lebens nicht nur für die Nachwelt, sondern auch für eine jüngere Generation in Deutschland und Österreich abzubilden. Diese meine Generation soll sehen, daß es eine Kontinuität in der tragischen historischen Diskontinuität gibt. Die Ignoranz über dieses Fortbestehen ist symptomatisch dafür, wie in der Nachkriegszeit – und mehr oder weniger bis heute – mit der Existenz dieser Vertriebenen im Bewußtsein der Tatorte umgegangen wurde.
 
Mit der Funktion und den Privilegien, die junge zeitgenössische Kunst für sich beanspruchen kann, versuche ich, diese audio-visuellen und fotografischen Lebensbilder von ehemaligen Emigranten und deren Sprach- und Lebenswelt in ihrer beeindruckenden Qualität einem interessierten Publikum näherzubringen, das üblicherweise nicht die Wege in die Bibliotheken und die historischen Archive sucht.
 
In der Galerie nächst St Stephan Rosemarie Schwarzwälder werden 9 Portraits von ehemaligen Wienern gezeigt, die heute noch in New York leben. Die Schicksale dieser Menschen sind sehr unterschiedlich und reichen vom Überleben von mehreren Jahren Konzentrationslager Auschwitz bis zur frühen Emigration mit Familie. Es ist darunter auch ein Portrait mit John Kallir, der Sohn des Gründers der Galerie nächst St. Stephan, dessen Tochter wiederum heute in New York die Nachfolgegalerie Saint Etienne führt (St. Stephan auf französisch, war ja der erste Halt der Galerie in Paris). Eine Diaprojektion mit dem Titel „Parks – 1938 – 1999“ komplementiert diese Arbeit."
 
(Rainer Ganahl, 1999)

Mit Unterstützung der Kulturabteilung der Stadt Wien und des Bundeskanzleramts – Sektion Kunstangelegenheiten
 
Seite des Künstlers