DE
|
ENG
MENU
AUSSTELLUNGEN
KÜNSTLER
MESSEN/INTERNATIONAL
NEWS
PUBLIKATIONEN
GALERIE
ENGLISH
DEUTSCH
Ausstellung
SOL LEWITT
Eröffnung
18 SEP 2003, Einführung: Dr. Brigitte Huck, Kuratorin und Kunstkritikerin, Wien
Dauer
19 SEP – 8 NOV 2003
Text
Brigitte Huck: Eröffnungsrede (Auszug)

Der wichtigste Satz in SolsLeWitt 'Paragraphs' lautet: 'In der konzeptuellen Kunst ist der wichtigste Aspekt des Werks die Idee oder das Konzept. Wenn ein Künstler eine konzeptuelle Form der Kunst betreibt, bedeutet das, alles Planen und Entscheiden geschieht vorweg, und die Ausführung ist nur noch eine mechanische Angelegenheit.' Die künstlerische Idee wird getrennt von ihrer Ausführung gedacht, ihr kommt der Status eines eigenständigen Objekts zu. Wenn dies der gedankliche Kern der Konzeptkunst ist, findet sie in LeWitts 'Proposals for Walldrawings' ihren ersten konkreten Ausdruck. Bald breiten sie sich über den gesamten Raum aus und behandeln ihn als eine Einheit, als eine Idee. Die Walldrawings sind Arbeiten ohne Titel und werden durchnummeriert. Im Werkverzeichnis von 1992 waren es 701, bis heute sind es viele mehr. Für jede gibt es eine kurze Beschreibung bzw. Anweisung. 'Usually the title is the plan', sagt LeWitt.. Die bestimmende Idee der Arbeit ist also sprachlich formuliert, ist ein Text und als Arbeitsanweisung für Dritte kommunizierbar.

Eine Anweisung für den Ausführenden lautet zum Beispiel: '10.000 zufällig gezogene, gerade Linien, 1000 Linien am Tag, 10 Tage lang, innerhalb eines Quadrats von 3 Metern.' Oder: 'Linien, nicht kurz, nicht gerade, die sich kreuzen und berühren, 4 Farben (gelb, schwarz, rot und blau), nach dem Zufall gleichmäßig verteilt, in maximaler Dichte, die ganze Oberfläche der Wand bedeckend.' Sol LeWitt entwickelt ein System für seine lines und shapes, das es erlaubt, sie auf jeder beliebigen Wand in unterschiedlicher Größe beliebig oft zu realisieren. Egal, wie oft eine Arbeit realisiert wird, sagt, er, sie ist immer anders, wenn man sie in anderer Dimension ausführt. Die Konstante ist der Text, also die Idee. Wenn nun die ausgeführte und damit als sinnliches Phänomen wahrnehmbare Arbeit dem Konzept gegenüber in dem Maße sekundär ist, dass jemand anderer dazu geeignet ist, sie physisch auszuführen, liegt das Gewicht der künstlerischen Praxis darin, Ideen für die Arbeit hervorzubringen, nicht aber darin, die Arbeit selbst zu machen. Und dafür ist nicht einmal ein geübter Professionist nötig, jeder kann sie machen. Das Walldrawing, das Sie heute hier sehen können, ist ein typischer Fall: es stammt aus dem Jahr 1992 und ist eine Tautologie. Was wir lesen, ist gleichzeitig das, was es ist, der Schriftzug Walldrawing verweist auf sich selbst. Die ultimative Repräsentation eines Walldrawings. Ein geschlossenens System, in dem der Kunstgedanke und die Kunst eins sind.

Die Anweisung lautet: 'wall drawing to be written on a wall in the hand of the owner. Medium and size to be chosen by the owner. Limited to 10 installations.' Der Besitzer der Arbeit produziert sie auch, und wenn die Schreibarbeit beendet ist, wird ein Foto gemacht, das Sol LeWitt signiert und damit als Werk approbiert. Das ist nun eine sehr charakteristische Vorgangsweise, die die formalen, materiellen und konzeptuellen Mittel der Produktion thematisiert. Damit einher geht eine kritische Einstellung, was alle möglichen Formen des Illusionismus betrifft. Sol LeWitt ermahnt uns als Betrachter, die Wahrnehmung des sinnlichen Produkts freizuhalten von ästhetischen Erwägungen und Interpretationen.

Neben der linguistischen Komponente spielt der Modus des Seriellen eine wichtige Rolle. Auch das ist ein Verfahren, das die Kunst generell verändert hat und in der Minmal Art und der Konzeptkunst gleichermaßen bedeutsam ist. In dieser Ausstellung kann man das sehr schön am Beispiel verschiedener früher Editionen Sol LeWitts beobachten, die früheste aus dem Jahr 1971, wo das System der bildimmanenten Wiederholungen und Abwicklungen auf das Prinzip der technischen Reproduktion trifft. Es handelt sich um sehr komplexe Strukturen, eine Variante innerhalb der Serie verweist auf die anderen, ein genauer Plan legt die Art der Verweise fest. Das innere Bezugssystem zum Plan wiederum verklammert die Serie zu einer einzigen Arbeit. Deshalb würde es auch keinen Sinn machen, Serien aufzuteilen oder sich ein vermeintlich attraktiveres Blatt herauszufischen. Im Unterschied zu Abstraktionen, die am Computer gerechnet werden, wie man sie zur Zeit im Künstlerhaus sehen kann, tröstet uns SolLeWitt mit kleinen Imperfektionen, so minimal sie auch sein mögen.