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Ausstellung
STEFAN THIEL (im ERSTE Projektraum)
 
Eröffnung
2 OKT 2002, Einführung: Mag. Carl Aigner, Direktor der Kunst.Halle Krems
 
Dauer:
3 OKT – 9 NOV 2002
Text
Raimar Stange: Schwarz auf Weiß — Zur ästhetischen Strategie von Stefan Thiel

Manie und Manierismus: Stefan Thiel ist in der Kunst so etwas wie ein skrupelloser Wiederholungstäter und unermüdlicher Fleißarbeiter. Immerhin hat er sich ganze sieben Jahre lang der ausgiebigen und schamlosen Erprobung der künstlerischen Möglichkeiten der Blindenschrift gewidmet. Allein vier Jahre hat er davon genutzt, um de Sades "100 Tage von Sodom" in penibler Präzision in Blindenschrift zu übersetzen. Sein neuer Arbeitszyklus nun ist ähnlich arbeitsaufwändig und künstlich: Stefan Thiel arbeitet derzeit an mittel- und großformatigen Scherenschnitten. Hier wie da fällt zunächst der konsequente Verzicht auf bunte Farbigkeit ins Auge, dann die Übersetzungen von einer signifikanten Vorlage in ein anderes, binäres — hoch/tief bzw. schwarz/weiß — (Zeichen)System. Als dritte Gemeinsamkeit beider Strategien wäre, wie gesagt, die manischmanieristische Präzisionsarbeit zu nennen, die vom Künstler pflichtbewußt zu leisten ist, schließlich das klammheimliche Moment der fast körperlichen Einschreibungen: Wie beim Tattoo wird sich hier wie da mitteilend in eine Oberfläche eingeschrieben, und hier wie da treten dabei taktile Aspekte — fühlen, ritzen bzw. schneiden — auf den ästhetischen Masterplan.

Linientreue statt Leibhaftigkeit: Der artistische Prozess ist durchaus einfacher Natur: ein zumeist selbst "geschossenes" Dia wird auf das Papier projiziert, vom Künstler dann nachgezeichnet. Anschließend wird in täglicher Kleinstarbeit aus(einander)geschnitten und endlich das Blatt umgedreht — der Scherenschnitt ist fertig. Wichtig ist Stefan Thiel bei seiner Nutzung dieser Technik vor allem, möglichst viele unterschiedliche Motive auf ihre erhoffte "Scherenschnitttauglichkeit" zu untersuchen. Die Frage lautet also: gewinnt das meist alltägliche und banale Motiv — immer wieder Parkplätze und diverse Gebäude vor allem, manchmal, gewissermaßen als "sidestep" aber auch Exotisches und neuerdings sogar expressive Vulkanausbrüche — eine ästhetische Wirkung, die nicht auf die dramatische Wucht quasi leibhaftiger, silhouettenhafter Flächen baut, sondern auf die filigrane Qualität sensibler Linienführung? Wenn dies gelingt, dann wird das Schneiden hier zu einem Zeichnen, das nicht auf eine individuelle, vielleicht gar ach so ausdrucksvolle Handschrift vertraut, stattdessen aber den beinahe grafischen Charakter einer scheinbar fotografisch-objektiven Idealisierung betont, einer Idealisierung, die letztlich in der cool-cleanen Reduzierung des Schwarz-Weiß-Kontrastes begründet scheint.

Nostalgie als Konzept: selbstverständlich ist das ursprünglich kunsthandwerklich und weiblich konnotierte Medium Scherenschnitt eine künstlerische Technik, die erstmal nicht von heute ist. Sie erinnert uns vielmehr an geheimnisvolle Schattenspiele aus längst vergangenen Tagen, an alte Kinderfilme und natürlich an Andachtsbilder und Romanzen aus dem 18. Jahrhundert. (Interessant zu sehen, wie die Amerikanerin Kara Walker in ihren Scherenschnitten diese Sentimentalitäten mit ihren aggressiven Anklagen von Rassendiskriminierung konfrontiert.) Aber auch an ebenfalls traditionsreiche Vorgänger wie die japanischen Holzschnitte und Jugendstildrucke erinnern uns die Cut-Outs von Stefan Thiel zuweilen. Gleichzeitig aber erscheinen die Arbeiten dank ihrer realistischen und modernen Ikonographie überaus aktuell. Nun: diese Dualität von Anachronismus und Zeitgemäßheit überspielt das ästhetische Geschehen in einen seltsamen Zwischenbereich von Traum und Wirklichkeit sowie von Fiktion und Dokumentation — und fragt so nahezu beiläufig, aber umso nachhaltiger nach den vermeintlich längst sorgfältig abgesteckten grenzen zwischen diesen im "richtigen" Leben fein säuberlich getrennten Bereichen.

Modul und Mitteilung: Gehängt werden die meist quadratischen Cut-Outs dann oftmals in Petersburger Hängung. So entstehen (zuweilen blockartige) Konstellationen, in denen der Künstler verschiedene seiner Arbeiten zu einem modulartigen, vielschichtigen Geflecht zusammenstellt. Diese installative, collagenartige Präsentation verhindert nicht nur eine eindeutige und isolierte Lesbarkeit einzelner Scherenschnitte, sondern betont vor allem die Bedeutungen von Zusammenstellung, Grammatik und Kontext, von Stand- und Blickpunkt für jedwede Sinnproduktion nicht nur in der Kunst. Letztlich nämlich ist es erst der Betrachter, der die vereinzelten Elemente dieser Bild-Sätze in seinem eigenen Kopf dank aktiver Rezeption mit für ihn einleuchtenden Bedeutungen auflädt. Dialog mit dem Betrachter statt Monolog des Künstlers — so lautet bei Stefan Thiel die Devise. Und ließen sich nicht schon seine Blindenschrift-Arbeiten vom Gegenüber im selbsttätigen Ertasten dechiffrieren?

Talk show: Das Resultat dieses Anbietens von Lesbarkeit in den Arbeiten von Stefan Thiel ist vor allem die Behauptung von Welt als kommunikativem Ereignis. Die Welt ist nicht, sie (er)scheint nicht auch nicht, sondern sie ergibt sich im performativen Akt einer dialogischen Wahrnehmung, einer produktiven ästhetischen Wahrnehmung, die vom Künstler initiiert ist, viel mehr jedoch nicht. Nicht eine bescheidene Zurückhaltung aber führt der Künstler hier vor, sondern ein Modell von erkenntniskritischer (konstruktivistischer) Weltsicht.

In: Stefan Thiel, Cut-Outs, griedervonputtkamer, Berlin, Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder, Wien, Mai 36, Zürich, 2003