Flachgewalzt wie ausgerollter Teig, biomorphe Formen mit sexuellen Konnotationen, ein weicher, schwammiger Stoff in einem intensiv-rosa Leinenbezug, darauf Buchstaben in runder, „weiblicher“ Schrift, die sich zu entzückten Seufzern, zu „och“ und „ach“, zusammensetzen. Der Titel ergänzt das, was uns die Sinne bereits eingeflüstert haben ...


Łąka Twojego ciała [Die Wiese deines Körpers] ist eine der zahlreichen Arbeiten von Maria Pinińska-Bereś, in denen die beiden Faszinationen der Künstlerin zum Ausdruck kommen: Erotik und Natur. Zwei Arten der Liebe: Liebe, die sich in einer befreiten und befreienden Sexualität manifestiert, sowie Liebe, die dem Gefühl der Verbundenheit mit der Natur – dem Reich der freudigen, ungehemmten Sinnlichkeit – entspringt. „Ich lief blind in die Herrlichkeit der Wiesen und Haine hinein, bis ich mich in einem Hohlweg wiederfand. Eine Erleuchtung überkam mich, ich fühlte mich eins mit dem Moos, den Flechten, mit all dem Wunderbaren, das mich umgab. Ich verschmolz mit dem Moos, wälzte mich in ihm vor Wonne stöhnend. Lange lag ich dort in absolutem Glück.“ So erinnert sich Pinińska-Bereś an einen Ausflug ins Grüne in ihrer Jugend. Genauso gut könnte es sich um die poetische Beschreibung eines Liebesaktes handeln – und diese Ambivalenz ist nicht nur rein rhetorischer Natur


Körperliche, sinnliche Formen, schwächere oder deutlichere Anspielungen auf männliche, weibliche oder androgyne Sexualität erschienen Anfang der 1960er–Jahre in Maria Pinińska-Bereś’ Arbeiten. Die im Atelier von Xawery Dunikowski – einem der bedeutendsten Bildhauer der polnischen Moderne – ausgebildete Künstlerin benutzte durch diesen künstlerischen Einfluss zunächst robuste, bildhauerische Materialien (Zement) und Formen (Rotunden, Stelen). Deren Anspruch auf zeitlose Relevanz und die dadurch geschaffene emotionale Distanz und monumentale Feierlichkeit wurden von Pinińska-Bereś durch das Hinzufügen „unpassender“ Requisiten desavouiert – beispielsweise durch eine Steppdecke als Sockel oder eine aus demselben Material angefertigte Schürze mit ausgeschnittenen Öffnungen für die weiblichen Brüste. Im Laufe der Zeit verschwanden der Zement und die Kompaktheit der Skulpturenkörper, an ihre Stelle traten Ausdrucksmittel, die bisher nur eine ergänzende Funktion hatten. Mit ihrer Hilfe errichtete Pinińska-Bereś eine Bühne, auf der sich das weibliche Begehren auf offene, „schamfreie“ Weise zeigen konnte.


Zu den weichen Materialien und erotische Emotionen weckenden Formen kommt die Farbe Rosa hinzu, die zu einem Spezifikum der Künstlerin wird. Rosa evoziert sexuelle Körperlichkeit, als Farbe von Mädchenspielzeug und -kleidung stellt es zugleich jedoch ein Mittel dar, dass der Individualisierung Einhalt gebietet und die Weiblichkeit auf die ihr zugeschriebene gesellschaftliche Rolle vorbereitet. Pinińska-Bereś setzt sich bewusst mit dieser kulturellen Konnotation auseinander. Doch „die Wiese des Körpers“, die sie vor uns ausbreitet, ist kein „Schlachtfeld“, wie in der berühmten Arbeit von Barbara Kruger. Dennoch bleibt Pinińska-Bereś dem oppressiven Charakter der patriarchalen Kultur, die den weiblichen Körper zum Objekt degradiert, nicht gleichgültig gegenüber – ihre Arbeit Czy kobieta jest człowiekiem? [Ist die Frau ein Mensch?], bestehend aus einem Badeanzug und einem Etikett, auf dem das Herstellungs- und das Verfallsdatum angegeben sind, ist nicht der einzige Beleg dafür. Allerdings scheint es ihr wichtiger zu sein, die weibliche, emanzipierte Sexualität zu zelebrieren. Wobei dieser emanzipatorische Moment für sie keineswegs im Widerspruch steht zu dem Gefühl einer sinnlichen, überindividuellen Gemeinschaft, zu einer spezifischen Panerotik, und zu der Ehrfurcht vor der Lebenskraft, die alles durchdringt und den hierarchisierenden Unterschied zwischen weiblich und männlich, menschlich und nichtmenschlich aufhebt. Beziehungen, die auf Dominanz und Ausbeutung – des weiblichen Körpers durch das männliche Auge, der Natur durch die instrumentelle Vernunft – gründen, werden ersetzt durch Beziehungen, die auf Empfindsamkeit und Fürsorge fußen. Wie in Przenośny pomnik: Miejsce [Bewegliches Denkmal: der Ort], einer zerbrechlichen, kurzlebigen Konstruktion aus minderwertigen Materialien, die von Pinińska-Bereś auf Hügeln und Wiesen errichtet wurde – nicht, um die umgebende Natur zu unterwerfen, sondern um ihr Ehre zu erweisen. Anders als ein traditionelles Denkmal ist Przenośny pomnik: Miejsce kein Zeichen der Herrschaft, sondern der Empathie und Koexistenz. Genauso wie die rosa Fahne, die die die Künstlerin bei ihrer Performance stolz im Wind wehen lässt. Ein Zeichen liebevoller Schwäche, die in einer durch Stärke zugrunde gehenden Welt die letzte Chance ist, diese zu retten


— Jarosław Suchan

Maria Pinińska-Bereś

Rotunda z łańcuchem [Rotunda with a Chain], 1963
Beton, Stoff, Metallkette, Holzsockel
80 x 67 x 50 cm

Maria Pinińska-Bereś

Łaka Twojego ciała [The Meadow of Your Body], 1987
Sperrholz, Polsterschaumstoff überzogen mit Leinwand, Acryl
15 x 62 x 215 cm

Maria Pinińska-Bereś

Wielka Woltyźerka [Great Equestrian Vaulter], 1987
Sperrholz, Polsterschaumstoff überzogen mit Leinwand, Acryl, Holzstange
205 x 190 x 65 cm

Maria Pinińska-Bereś

Roleta [Blind], 1982
Holz, Leinen, Acryl, Stein
205 x 90 cm

Maria Pinińska-Bereś

Sztandar autorski [The Author’s Standard], 1979
Vintage Fotografie
6 Stück
je 18 x 24 cm

Maria Pinińska-Bereś

Małe egzystencjarium [Little Existentiarium], 1990
Glas, Polsterschaumstoff mit Leinwand überzogen, Acryl, Metallgestell
Vitrine 20 x 30 x 20 cm
Metallgestell 40 x 30,5 x 20,5 cm

Maria Pinińska-Bereś

Egzystencjarium odzyskane [Recovered Existentiarium], 1990
Glas, Polsterschaumstoff mit Leinwand überzogen, Acryl, Metallgestell
Vitrine 25 x 32 x 20 cm
Metallgestell 45,5 x 32,5 x 20,5 cm

Maria Pinińska-Bereś

Egzystencjarium ze smokiem [Existentiarium with Dragon], 1990
Glas, Polsterschaumstoff mit Leinwand überzogen, Acryl, Metallgestell
Vitrine 30,5 x 50 x 35 cm
Metallgestell 55,5
x 50,5 x 35,5 cm

Maria Pinińska-Bereś (geboren 1931 in Poznań, gestorben 1999 in Kraków), bildnerische, installative und performative Arbeiten. Sie gilt als eine Wegbereiterin der ökologischen und feministischen Kunst in Polen, obgleich ihr Verhältnis zum Feminismus ambivalent war. Von 1950–1956 studierte sie an der Krakauer Akademie im Atelier von Professor Xawery Dunikowski, einem führenden Vertreter der modernen Bildhauerei in Polen. Sie gehörte zu Tadeusz Kantors künstlerischem Umfeld und wurde 1979 Mitglied der Krakauer Gruppe, die auf seine Initiative hin zwei Jahrzehnte zuvor gegründet worden war. Ihre Arbeiten befinden sich in den Sammlungen der wichtigsten polnischen Museen, u. a. im Kunstmuseum in Łódź, Nationalmuseum in Krakau, Nationalmuseum in Wrocław, Zentrum für Polnische Skulptur in Orońsko, Museum für Gegenwartskunst MOCAK in Krakau und Migros Museum für Gegenwartskunst in Zürich, sowie in vielen Privatsammlungen. Maria Pinińska-Bereś Werke wurden in zahlreichen Einzel- und Gruppenausstellungen innerhalb und außerhalb Polens gezeigt, in den letzten Jahren u. a. in den Ausstellungen Gender Check. Femininity and Masculinity in the Art of Eastern Europe, mumok, Wien (2010); The World Goes Pop, Tate Modern, London (2015); 20 – An Exhibition in Three Acts: Collection Revisited 19601982, Migros Museum für Gegenwartskunst, Zürich (2016); 56 Artillery Lane, Raven Row Gallery, London (2017); The Penumbral Age. Art in the Time of Planetary Change, Museum für Moderne Kunst, Warschau (2020).


Jarosław Suchan, Kunsthistoriker und -kritiker, Kurator. Von 2006 bis 2022 war er Direktor des Kunstmuseums in Łódź, wo er ein neues Ausstellungsgebäude für die Sammlung errichtete und für das Museum ein neues Profil entwickelte. Zuvor war er Direktor der Kunstgalerie Bunkier Sztuki in Krakau (1999–2002) und stellvertretender Direktor und Chefkurator des Zentrums für Zeitgenössische Kunst Zamek Ujazdowski in Warschau (2002–2006). Als Kurator oder Ko-Kurator organisierte er zahlreiche Ausstellungen moderner und zeitgenössischer Kunst in Museen und Institutionen, u. a. im Centre Pompidou, Paris; Museo Reina Sofía, Madrid; Museum Serralves, Porto; Kunstmuseum Den Haag; Universalmuseum Joanneum, Graz; Moderna Museet Malmö; Museum Abteiberg, Mönchengladbach; Ludwig Múzeum, Budapest; Nationale Kunstgalerie Zachęta, Warschau. Suchan ist Autor zahlreicher Texte über die Avantgarde, Moderne, zeitgenössische Kunst und Institutionskritik sowie Herausgeber oder Mitherausgeber von Büchern über Tadeusz Kantor, Jerzy Grotowski, Władysław Strzemiński und die polnisch-jüdische Avantgarde. Zuletzt war er Mitverfasser der Anthologie „The Avant-Garde Museum“.

Die Ausstellung findet im Rahmen von curated by 2022 statt.

© Photo: Markus Wörgötter

---design and development by christian mueller---