MARCO A. CASTILLO
MIHO DOHI
MANUEL GORKIEWICZ
KATHARINA GROSSE
SONIA LEIMER
ISA MELSHEIMER
MANFRED PERNICE
KARIN SANDER
MICHAEL E. SMITH
JESSICA STOCKHOLDER

Unter dem Titel gewendet • angewendet • angewandt zeigt die Galerie nächst St. Stephan Rosemarie Schwarzwälder in ihrer Dependance in der Domgasse 6 Arbeiten von zehn KünstlerInnen, die sich an der Schnittstelle von angewandter Kunst, Design, Handwerk und bildender Kunst bewegen. Die fruchtbare Verbindung zwischen angewandter und bildender Kunst, also zwischen Objekten, deren Funktionalität im täglichen Gebrauch einen rational-logischen Entwurfsprozess voraussetzt und Objekten, die dem Bedürfnis nach einem ästhetischen Gestaltungswillen eines an sich „funktionslosen“ Kunstwerks entsprechen, hat in Wien lange Tradition. Der Idee des Gesamtkunstwerks folgend wollten die KünstlerInnen der Wiener Werkstätte alle Bereiche des täglichen Lebens mit Kunst überziehen mit dem Ziel, die Stadt zum Zentrum geschmacklicher Kultur auf dem Gebiet des Kunstgewerbes zu erheben. Alltagsgegenstände, Möbel, Mode, Beleuchtungskörper bis hin zu Schmuck und grafischen Entwürfen von Büchern oder Plakaten wurden unter Bedacht auf größtmögliche handwerkliche Verarbeitung und dem Willen nach Eigenständigkeit und Schönheit entworfen. Diese Entwicklung begann mit der Schaffung fortschrittlicher Arbeitsbedingungen für Handwerker und endete mit der Überwindung wuchernder Jugendstilornamentik französischer oder belgischer Prägung in Richtung einer geometrisch, abstrakten Formensprache von außerordentlicher Langlebigkeit und bis heute zeitloser Eleganz.

 

Der Ansatz der kurzlebigen, billigen Massenware einer globalisierten Konsumgesellschaft wieder höherwertige, langlebige Handwerkskunst entgegenzusetzen ist nicht nur Ausdruck eines Eskapismus einer durch Energiekrise und Klimawandel geprägten Gesellschaft im Zeitalter des Anthropozäns. Die Wiederbelebung des Handwerks, das Interesse am Materiellen, der Wunsch nach selbstauferlegter Reduktion und Konzentration ist auch Zeichen einer unter Reizüberflutung an kultureller Erschöpfung leidender Gesellschaft, in der die eigene physisch erfahrbare Wirklichkeit zunehmend in eine virtuell-illusionäre Realität abzugleiten droht. Der pandemiebedingte Rückzug auf das Private und die Verwandlung des Zuhauses vom Rückzugsort zur permanenten Produktionsstätte hat zu einem Verschwimmen der Grenzen von Privat- und Arbeitswelt geführt und die Gestaltung des eignen Lebensbereichs wieder mehr in den Fokus rücken lassen.

 

Rosemarie Schwarzwälder hat für die Ausstellung Werke der von ihrer Galerie vertretenen sowie ihr nahestehenden KünstlerInnen feinsinnig zusammengestellt. Trotz aller Heterogenität im künstlerischen Ansatz verbinden sich die ausgestellten Arbeiten durch gemeinsame Fragestellungen: Aus welchen Kontexten wurden Objekte und Materialien „entwendet“? In welchen Kombinationen wurden sie „angewendet“? Wie haben sich ihre ursprünglichen Bedeutungen und Wahrnehmungszusammenhänge „gewendet“ und können sie überhaupt „angewendet“ also benutzt werden?

Sonia Leimer zeigt neue Stühle, die sie ausgehend von Materialien für ein Projekt im Wartebereich der Arbeiterkammer Wien durch Upcycling weiterentwickelt hat. Ihre Auseinandersetzung gilt Berufsbekleidungen und ihren historischen Farbcodes, symbolischen Traditionen und zweckmäßigen Anforderungen (Orange als Farbe der Müllabfuhr, Schwarz für die RauchfangkehrerInnen, Weiß, Blau oder Türkis für ÄrztInnen und Pflegepersonal, Grün für die GärtnerInnen ect.). Indem Leimer die Stoffe mit einer Auswahl an Fotos bedruckt, die Ihre Hände bei der künstlerischen Arbeit im Atelier, beim Vermessen, Schweißen oder Lackieren zeigen, schafft sie nicht nur benutzbare Unikat-Sitzobjekte, sondern schreibt ihre eigene handwerkliche Tätigkeit in die anderen Berufsfelder ein.

 

Katharina Grosse ist für malerische Environments mittels Spritzpistolen-Technik bekannt, die sich in riesigen Installationen im Innen- und Außenraum, an Hausfassaden oder in Treppenhäusern manifestieren. Ihre weich oszillierenden Farbverläufe dehnen sich auch auf Stoffen, Möbeln oder Alltagsgegenstände aus. In der Auslage der Galerie wird eine handbesprühte Unikatsedition eines Skateboards gezeigt, das durch das Fehlen von Rollen ihres ursprünglichen Gebrauchswerts befreit zur Skulptur mutiert. Durch die bewusste räumliche Setzung zur angrenzenden Straße, behält es seinen metaphorischen Charakter als Ausdruck von Freiheit und Bewegung.

 

Manfred Pernice verwendet für seine zylindrischen oder prismatisch-gebrochenen Skulpturen, die an übereinandergestapelte Dosen oder Container erinnern, oft günstige handelsübliche Materialien wie Sperrholzplatten, Kacheln, Eisen oder Beton, die er mit Zeichnungen, Texten, Zeitungsauschnitten kombiniert. Er schafft damit ein offenes Referenzsystem, das mit kulturellen Codes, Erinnerungen oder kontextgebundenen Signifikaten spielt.

 

Dieser Ansatz verbindet ihn auch mit der US-Amerikanerin Jessica Stockholder, die durch die Kombination von vertrauten Alltagegenständen mit befremdlich wirkenden bemalten Sperrholzlatten verräumlichte Collagen oder begehbare Raumbilder schafft. Die kleine, aus Teppichresten, einem Tischtennisschläger, Preisschildern und Nägel bestehende Assemblage steht in der Tradition der Fluxus-Bewegung, die nach einem fließenden Übergang von Kunst und Leben trachtete und die schöpferische Idee und den Prozess vor das eigentliche Kunstwerk stellte.

 

Manuel Gorkiewicz realisierte eine Adaption eines ursprünglich aus US-Letter-Formaten gefalteten Papiervorhangs, den er während seines MAK Schindler Stipendiums in Los Angeles in den von R.M. Schindler 1939 gebauten Mackey-Apartments an der Stelle einer ursprünglichen Schiebetür installierte. Gorkiewicz entwickelte eine Falttechnik, die bei der damals vorherrschenden Formensprache des Art Deco oder der Zig-Zag-Moderne Anleihe nimmt und im Kontrast zu Schindlers „De Stijl“- Vokabular des Mackey-Gebäudes stand. Indem er den Vorhang für das Tonnengewölbe in der Domgasse im DIN A4 Format nachbaute, verbindet er die Geschichte des österreichischen Architekten mit seiner eigenen: R.M. Schindler, der nach seiner Auswanderung 1914 nie wieder nach Österreich zurückkehrte, bekommt dadurch in Wien erneut symbolische Präsenz.

 

Karin Sander schließlich treibt in ihrem Umgang mit Alltagsgegenständen durch minimale Perspektivverschiebung die „Umwendung“ der gewohnten Wahrnehmung radikal auf die Spitze. Sie montiert echtes Obst und Gemüse mit einfachen Nägeln in stets gleichem Abstand auf Augenhöhe an die Wand und erhebt die Lebensmittel zu „realistischen“ Skulpturen. In den Kunstkontext überführt entfaltet sich die unheimliche Macht unserer kulturellen Konvention, die aus dem Gestus des Aufhängens von Objekten an die Wand resultiert. Wie weit wir uns schon von unserer physischen Realität entfremdet haben, zeigt sich nicht nur durch die Fetischisierung von Essen und Nahrungsmitteln in den sozialen Medien und der Stilisierung des Kochens zu sozialen Events, sondern auch darin, dass Sanders „Skulpturen“ durch unseren von den fotografischen Bildern gefilterten Blick fast die Anmutung von dreidimensionalen Farbfotografien bekommen.

 

— Fiona Liewehr

Marco A. Castillo

Familia Ramírez Trujillo, 2022
MDF, Glas
55 x 42 x 9 cm

Marco A. Castillo

Familia Calvo Socarras, 2022
MDF, Glas
55 x 42 x 9 cm

Marco A. Castillo

Familia Valdes González, 2022
MDF, Glas
55 x 42 x 9 cm

Miho Dohi

Study 5, 2019
Gips
17 x 25 x 16 cm

Manuel Gorkiewicz

Ohne Titel, 2014
5 Trinkgläser mit Karaffe; Muranoglas mundgeblasen von Davide Fuin in Murano, Venedig; Unlimitierte Edition

Manuel Gorkiewicz

Mann, 2022
Buntpapier, in Zusammenarbeit mit Matilda Heistinger
ca. 250 x 310 cm

Katharina Grosse

Ohne Titel, 2006
Acryl auf Skateboard, Edition 61/100, handgesprühtes Unikat; Herausgeber & Hersteller: Mekanism Skateboards, Paris; rückseitig signiert, nummeriert und "Mekanism" gestempelt
78 x 19 cm

Sonia Leimer

SA, 2022
Stahl, Arbeitsstoff, Schaumstoff, Siebdruck; Unikat
90 x 40 x 43 cm

Sonia Leimer

MO, 2022
Stahl, Arbeitsstoff, Schaumstoff, Siebdruck; Unikat
90 x 40 x 43 cm

Sonia Leimer

MI, 2022
Stahl, Arbeitsstoff, Schaumstoff, Siebdruck; Unikat
90 x 40 x 43 cm

Sonia Leimer

DI, 2022
Stahl, Arbeitsstoff, Schaumstoff, Siebdruck; Unikat
90 x 40 x 43 cm

Sonia Leimer

Spardose (Modell), 2016
Ton, Fat Lava Glasur
H 27 cm, DM 14 cm

Sonia Leimer

Spardose (Modell), 2016
Ton, Fat Lava Glasur
H 30 cm, DM 16 cm

Sonia Leimer

Spardose (Modell), 2016
Ton, Fat Lava Glasur
H 31 cm, DM 17 cm

Isa Melsheimer

Tuch (Plan 1), 2018
Stoff, Garn, Kunstperlen
125 x 100 cm

Isa Melsheimer

Trekking Mask IX, 2018
Stoff, Draht, Faden
35 x 25 x 12 cm

Manfred Pernice

Hocker-Set (3)'Linda', 2013
Holz, Lack, Fotokopien, Plexiglas, Metall, Kunststoff, Porzellanuntertasse, Dose gefüllt mit Handwaschcreme
148 x 48 x 48 cm

Karin Sander

Aubergine / aus der Serie Kitchen Pieces, 2012
Aubergine, Edelstahlnagel
Maße variabel

Karin Sander

Banane / aus der Serie Kitchen Pieces, 2012
Banane, Edelstahlnagel
Maße variabel

Karin Sander

Rote Zwiebel / aus der Serie Kitchen Pieces, 2012
Rote Zwiebel, Edelstahlnagel
Maße variabel

Karin Sander

Glass Drop 15, 2019
Glas
45 x 13 x 19 cm

Michael E. Smith

Untitled, 2015
Holz, Baby Overall, Korallen
ca. 80 x 44 x 27 cm

Michael E. Smith

Untitled, 2020
Pfanne, Leder
72 x 39 x 15 cm

Jessica Stockholder

Circle Viewer, 2019
6 Magnete, 6 Flachkopfschrauben, Papier, Beschläge, Acrylträger, Acrylfarbe, Schnur, Drahtseile mit Seilverschlüssen
81 x 52 x 8 cm

Jessica Stockholder

Ohne Titel, 2010
Teppich, Tischtennisschläger, Acrylfarbe, Preisschilder, Nagel
45 x 27 x 2,5 cm

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