Ich starte immer anders, der erste Pinselstrich ist vielleicht sogar willkürlich. Ideen, Gedanken formulieren sich beim Arbeiten und äußern sich auf der Leinwand. Ich habe das fertige Bild nicht im Kopf. In gewisser Weise sagt es selbst, was zu tun ist, ich arbeite spontan und bewusst planlos. Wenn ein Pinselstrich nicht funktioniert, wische ich ihn weg und zurück bleibt eine Spur.

— Jongsuk Yoon

서시

죽는날까지 하늘을 우러러
한점 부끄럼이 없기를,
잎새에 부는 바람에도
나는 괴로워했다.
별을 노래하는 마음으로
모든 죽어가는 것을 사랑해야지
그리고 나에게 주어진 길을
걸어가야겠다.

오늘밤에도 별이 바람에 스치운다.

1941년 11월 20일
윤 동주 (1917 – 1945)

Foreword

Until the day of death,
looking up to the sky,
hope there isn’t a dot of shame,
I have been tormented even
by the wind rising between the leaves.
With a heart sings of a star
I shall love all things dying.
And I shall walk the road given to me.

Tonight, again, the star gazed by the wind.

November 20, 1941
Yun Dong-ju (1917 – 1945)

Jongsuk Yoon

April Mai, 2020
Öl auf Leinwand
270 x 375 cm

Jongsuk Yoon

Summer Moon, 2020
Öl auf Leinwand
170 x 140 cm

Jongsuk Yoon

Kumgang, 2020
Öl auf Leinwand
270 x 425 cm

Jongsuk Yoon

Air, 2020
Wandmalerei nach Auftrag
336 x 427 cm

Jongsuk Yoon

Eine Wolke, 2019
Öl auf Leinwand
170 x 140 cm

Jongsuk Yoon

Big Bird, 2020
Öl auf Leinwand
70 x 60 cm

Jongsuk Yoon

Winter Sun, 2019
Öl auf Leinwand
170 x 140 cm

Jongsuk Yoon

Pink Frühling, 2020
Öl auf Leinwand
265 x 358 cm

Die Malerei von Jongsuk Yoon kann als eine neue Form der Landschaftsmalerei gelesen werden. Auch eine radikal ungegenständliche Malerei wie diese hat entweder mit Geschichtlichkeit oder mit Landschaftlichkeit zu tun. Hier trifft das Zweite zu. Landschaft wird nicht dargestellt, sondern mit malerischen Werten aufgebaut. Der Horizont ist dabei abgeschafft. Diese virtuellen Landschaften bestehen ausschließlich aus Strömen, Schollen, Flächen und Tiefen unterschiedlicher Gewichtung.

— Robert Fleck

Jongsuk Yoon

Pink, 2020
Öl auf Leinwand
100 x 80 cm

Jongsuk Yoon

Spring, 2020
Öl auf Leinwand
80 x 100 cm

Jongsuk Yoon

April, 2020
Öl auf Leinwand
100 x 80 cm

Jongsuk Yoon

Frühlingshaft, 2020
Öl auf Leinwand
70 x 60 cm

Jeder Pinselstrich scheint nicht nur den tief liegenden inneren Empfindungsschichten abgerungen zu sein; die Setzungen der Künstlerin sind durchdrungen von ebenso seelischer wie auch geistiger Auseinandersetzung mit ‚Welt‘ und ‚Ich‘.

— Tayfun Belgin

Jongsuk Yoon

The Shadow, 2020
Öl auf Leinwand
70 x 60 cm

Jongsuk Yoon

Blossoms, 2020
Öl auf Leinwand
170 x 130 cm

Installation View, Wallpaintings Sun and Moon, Nordiska Akvarellmuseet, Skärhamm, Sweden, 2020

THE GRACE OF THE EPHEMERAL

Wo ist der Ort dieser Bilder, die es so wunderbar schaffen, alles in der Schwebe, in einer Balance zu halten, in der eine Linie eine abstrakte Pinselspur im Bild und zugleich die mögliche Höhenlinie einer Bergkette sein kann, und ein gestisches Farb-Feld sich plötzlich in eine kompakte geometrische Form verwandelt? Je mehr man sich in das malerische Werk Jongsuk Yoons vertieft, umso mehr muss man konstatieren, dass diese im Lauf der Jahre immer größer und mutiger gewordenen Bilder im Wortsinne nicht zu fassen sind. Ihre trockenen, schwebenden Farben, ihr zeichnerisch-malerisches All-Over lässt sie zu diaphanen Erscheinungen werden, die sich momentweise verdichten, um sich im nächsten Augenblick wieder in einzelne Spuren, Linien, Felder, subtile Farb- und Formstimmungen aufzulösen.


Zumindest eine Teil-Antwort, woher die merkwürdige, von vielen Echos gesättigte Nicht-Verortbarkeit dieser Bilder herrührt, findet sich in der Biografie der Künstlerin. Jongsuk Yoon, 1965 in Korea als Tochter eines Galeristen für traditionelle asiatische Tuschemalerei geboren, hat ihre Heimat 1995 mit knapp 30 Jahren verlassen, um in Deutschland unter anderem an der Kunstakademie Düsseldorf bei Fritz Schwegler zu studieren. Insoweit lebt sie seit langem mit der Erfahrung, gewissermaßen in zwei Welten zuhause zu sein, und doch in keiner ganz. Nach den frühen konzeptuellen Anfängen mit komplexen Strickbildern konzentriert sich die Künstlerin ganz auf Zeichnung und Malerei. Fortan bewegt sich ihre Arbeit in einem Raum des strukturellen Dazwischen, in dem sich nicht nur Linie und Fläche, Farbigkeit und Nichtfarbigkeit, Abstraktion und Erzählerisches begegnen und miteinander vermengen, sondern vor allem auch die Traditionen der asiatischen und der europäischen Landschaftsmalerei.


In gewisser Weise ist das, was wir in und auf Jongsuk Yoons Bildern sehen, eine Malerei gewordene eurasische Reise, ein Shift und Drift zwischen horizontlosen Nah- und Fernblicken, von Motivfragmenten, die unter anderem Berge, Seen, Wolken, Wege, Häuser, Vögel und Blumen erahnen lassen, ohne, dass diese zur finalen Eindeutigkeit reifen, und von Farbkaskaden, mäandernden Linien und Pinselfiguren, die zunächst an die Tradition des Informel und des abstrakten Expressionismus denken lassen, ohne diese assoziative Nähe letztlich einzulösen.


Alle diese Bilder handeln von Landschaft, dies aber in einem absolut umfassenden und innerlichen Sinn, in dem Landschaft nicht in erster Linie als Darstellung, sondern vielmehr als seelischer Ausdruck, als Ein-Bildung begriffen wird. Robert Fleck hat dies einmal sehr schön mit den Worten ausgedrückt, auf Jongsuk Yoons Bildern würde Landschaft nicht dargestellt, sondern mit malerischen Mitteln aufgebaut1. Dabei greift die Malerin auf elementare Prinzipien der asiatischen Landschaftsdarstellung zurück, ohne sie zu kopieren. Vor allem das nicht-perspektivische Spiel mit gleichzeitig hohen (der Blick von unten nach oben), tiefen (der Blick nach unten) und ebenen (der Blick in die Weite) Entfernungen, in dem sich die Elemente eher übereinander schieben, als dass sie sich in einer tiefenräumlichen Staffelung anordnen, findet sich in vielen Arbeiten. Auch die Idee der Empfindungstreue, welche die asiatische Malerei gegenüber der Wirklichkeitstreue bevorzugt, der sich die europäische Landschaftsmalerei lange verpflichtet fühlte, lässt sich entlang der Spuren, Gespinste und mäandernd durch das Bildfeld schwebenden Elemente in dieser Malerei nachvollziehen.


Und doch geht es Jongsuk Yoon auch ganz unmissverständlich um einen subjektiven Selbstausdruck, und nicht, wie dies in der klassischen asiatischen Landschaftsmalerei der Fall wäre, um eine überpersönliche, an individueller künstlerischer Handschrift desinteressierte Verwandlung von Landschaft in eine zeitlose, überzeitliche Essenz. Diese Landschaften, die sich in den Bildern der Künstlerin fragil und momenthaft konfigurieren, und uns mit ihrer ephemeren Präsenz bannen, sind in ihrem Kern eigentlich Erinnerungsbilder, in denen sich seelische und reale Landschaften permanent und unentwirrbar ineinanderschieben.


2012 entstehen mehrere, Seelen-Landschaft und Mind-Landscape betitelte Arbeiten, die nicht nur einen wichtigen Schritt für das Werk bedeuten, sondern auch die Stimmung und den oft fast somnambulen Charakter dieser Malerei adäquat zusammenfassen. Es sind eher klein- oder mittelformatige Arbeiten, und doch strahlen sie eine gewisse Monumentalität und eine Entschiedenheit aus, die frühere Arbeiten nicht in diesem Maße kannten. Dabei sind sie alles andere als kühl und rational durchorganisierte Planspiele. Vielmehr entsteht die Gültigkeit der Bildordnung gerade aus der fast poetisch anmutenden Leichtigkeit und der Grazie des Ephemeren. Das gilt erst recht für die ganz aktuellen Arbeiten, beispielsweise für mehrere Kumgang (2020) betitelte Werke, in denen die Künstlerin die annähernd drei mal vier Meter großen Leinwände kompositorisch ungemein souverän bespielt und dabei gleichzeitig jeden Anflug von Festlegung und kompakter Schwere vermeidet.


Wer sich diese Malerei genau anschaut, kann auf ihrer Oberfläche nachvollziehen, dass die Künstlerin sich tatsächlich ohne festen Plan, ohne jede Vorzeichnung oder andere vorbereitenden Skizzen, ausgestattet allein mit dem Mut der malenden Abenteurerin, sich direkt in den Kontinent der Leinwand hineinbegibt, und dort Pinselstrich auf Pinselstrich und Farbform auf Farbform auf das reagiert, was jede malerische Setzung an Vibrationen und Sensationen in ihr und auf der Bildfläche auslöst. In dieser zeichnerischen Malerei, so hat es Erich Franz erkannt, ist jede malerische Setzung eine Setzung für sich, jede Geste zunächst vereinzelt und nur für sich existent2.


Erst in einer Form des Zusammenspiels dieser Setzungen und Gesten, die nicht wirklich geplant werden kann, wird daraus die Polyphonie eines Bildes, in dem sich zentripetale und zentrifugale Kräfte, Flüchtigkeit und Dauer, Gültigkeit und Vorläufigkeit die Waage halten. Jongsuk Yoon hat über ihre Odysseen auf dem Meer der Malerei gesagt: „Ich habe das fertige Bild nicht im Kopf. In gewisser Weise sagt es selbst, was zu tun ist“. Das fasst sehr klar den notwendig schwankenden und zerbrechlichen Grund, auf dem diese Bilder stehen, zusammen. Sie dürfen nicht im Vorhinein wissen wer sie sind, wenn sie ihr temporäres Ziel erreichen wollen, das seinerseits nur eine Zwischenstation im permanenten Unterwegs dieses Werks bildet. Im eindrücklichsten Sinn manifestiert sich in diesem Werk eine aus biografischen, emotionalen, sensuellen Fäden gesponnene Textur, die ausgestattet mit dem Zugleich von glitzernder, immaterieller zeichenhafter Leichtigkeit und opaker Farbtiefe Bildmomente schafft, in dem die Malerei davon erzählt was war und was ist, ohne dies je fixieren zu wollen.


— Stephan Berg


1Robert Fleck: Eine Malerei der Zeit, in: Jongsuk Yoon: Ausstellungskatalog Museum Kurhaus Kleve, Ludwig Museum Koblenz, Berlin, 2017, S. 54
2Erich Franz, in Jongsuk Yoon: sansui, Ausstellungskatalog Kunstverein Lippstadt et al., Heidelberg, 2015, S. 39

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