Ernst Caramelle

Forty Found Fakes, 1976-78
Zeitungsausschnitte
40-teilig
je 50,5 x 35,5 cm

Ernst Caramelle
Forty Found Fakes, 1976 – 78



Ernst Caramelle Forty Found Fakes ist ein Hauptwerk der nach-konzeptuellen Kunst, mit dem der Weg für neue idiosynkratische Positionen der 1980er-Jahre bereitet wurde. Die Blätter zeigen jeweils einen Zeitungsausschnitt mit einer alltäglichen Abbildung, von der behauptet wird, sie gebe das Werk eines bekannten Künstlers oder einer bekannten Künstlerin wieder. Die witzige und zugleich entschieden kritische Infragestellung von künstlerischer Originalität wurde zunächst als Publikation realisiert. Nun wird das 40-teilige Werk zum ersten Mal im Original gezeigt.

 

Ernst Caramelle ist gegen Ende der 1970er-Jahre mit wenig umfangreichen, bei aller Bescheidenheit jedoch bedeutenden und folgenreichen Publikationen hervorgetreten, die unbedingt als eigenständige Werke zu begreifen sind. 1979 zitiert er in einem dieser Hefte ironisch aus einem Text über sich selbst: „Der Österreicher Caramelle scheint in großen Zügen das zu sein, was man konventionellerweise einen Konzept-Künstler nennen würde.“ ¹ In seinen Arbeiten dieser Zeit – Zeichnungen, Videos und Druckwerke – macht er sich das kritische Interesse zu eigen, das die Konzeptkunst an der Kunst selbst entwickelt hatte. Respektlos und witzig, mit einem durch scheinbare Naivität getarnten Blick, beleuchtet er seinerseits unzureichend reflektierte Annahmen und Vorgaben, mit denen die programmatische Rigorosität und der Überlegenheitsanspruch der Konzeptkunst begründet worden sind. Insbesondere zielte Caramelles Arbeit auf die Selbstgewissheit einer scheinbar kritischen Haltung gegenüber Bedingungen des Originals und der authentischen Autorschaft.

 

1979 wurde von Thomas Way & Company, einem fiktiven New Yorker Verlag für Künstlerbücher, Caramelles Forty Found Fakes in einer Auflage von 1000 Exemplaren veröffentlicht. Von 1976 bis 1978 hatte er Photos aus der Zeitung ausgeschnitten, die ihn an das Werk eines (damals) bekannten Künstlers oder einer (damals) bekannten Künstlerin denken ließen. Begleitet von einer kurzen, von Caramelle verfassten Erklärung, präsentiert das Heft mit den Maßen 27,9 x 43 cm pro Seite eine Abbildung und den entsprechenden Namen – Palermo, Klaus Rinke, Trisha Brown, Joseph Beuys, Hanne Darboven usw.


Dabei geht es anders, als der Titel mit der wunderbaren Alliteration vorgibt, nicht so sehr um die Frage der Fälschung, als vielmehr um die Frage des Originals. Die Möglichkeit nämlich, in den Photos von alltäglichen Situationen fälschlicherweise das Werk einer bedeutenden Künstlerin oder eines bedeutenden Künstlers wiederzuerkennen, macht es umgekehrt offensichtlich, dass deren „authentischen“ Werke als ihnen persönlich zugeschriebene Originale betrachtet werden müssen. Das ist insofern bemerkenswert, als jedes der aufgerufenen Werke auf Marcel Duchamps Ready-Made-Ästhetik, also die radikale Infragestellung von künstlerischer Originalität, zurückgreift. Caramelles Fähigkeit, in allem Möglichen einen Abglanz künstlerischer Authentizität zu sehen, macht deutlich, in welchem Maß der junge Künstler in der herausragenden Kunst seiner Zeit eine Rückkehr zum Kult des Originals erkennen konnte. Gegen diesen Kult hatte er bereits früher mit der polemischen Feststellung reagiert, „Art is a fake“. ² Überall Fälschung zu sehen, befreite den jungen Künstler vom beengenden Anspruch des Werkes der vorangehenden Generation und öffnete das Feld der Kunst erneut für unerwartete Bilder – das wird zum großen Thema der 1980er-Jahre.

 

Im Jahr 2022 aber, mehr als vierzig Jahre später, vorzuschlagen, die eigenen, in der Publikation Forty Found Fakes reproduzierten „Originale“, einzeln gerahmt, auszustellen, zeugt von einer Selbstironie, die sich mit Marcel Duchamps Ironie messen kann. Nachdem in den 1950er-Jahren dessen Flaschentrockner als überragend schöne Skulptur anerkannt worden war (Robert Motherwell), ließ Duchamp eine begrenzte Auflage seiner Fountain produzieren und konterte damit die diskursive Fetischisierung des Ready-Made seinerseits durch die effektive Umwandlung des industriellen Massenprodukts in ein seltenes und wertvolles Pseudo-Original.

 

Mit der Ausstellung der „Originale“ seines Druckwerks unternimmt Caramelle einen weiteren, ebenso subtilen wie scharfsinnigen Schachzug in seiner Auseinandersetzung mit der erdrückenden Macht von Originalität und dem Authentischen.

 

¹ Publikation der Galerie nächst St. Stephan, Vienna, 1979

² Publikation der Galerie Krinzinger, Innsbruck, 1977


— Ulrich Loock, 2022

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