Mit seinen abstrakten Bildwelten entwirft Herbert Brandl, der zu den bekanntesten österreichischen Künstlern der Gegenwart gehört, atmosphärische Farbräume. Form, Farbe und Licht als Material und Methode der Kunst sind dabei für ihn zentral. In den abstrahierten Formen Brandls scheinen sich immer wieder Landschaften und Naturelemente abzuzeichnen — so halten sich seine Malereien in der Schwebe zwischen Abstraktion und Figuration.


Mit dieser verkürzten, geläufigen Beschreibung seines Werkes werden wesentliche Teile des künstlerischen Ansatzes Brandls üblicherweise zu wenig gesehen, wie das konzeptuell begründete sowie breit gefächerte mediale Interesse, oder seine Vorliebe für abgründige und damit reizvolle Strukturen. Denn über sein zentrales Format — die Malerei — hinaus sind zahlreiche Arbeiten in den Medien Zeichnung, Aquarell, Skulptur und Video entstanden. Brandl offenbart sich damit als installativ über die Leinwand hinaus denkender, universeller Künstler, der sich gleichzeitig der Spezifität des jeweiligen Mediums und seiner Materialien bewusst ist, und adäquat Kontexte und Fragestellungen innerhalb seines Schaffens reflektiert. Zum Vorschein kommt letztlich ein intuitiver, handwerklich mit allen Wassern gewaschener, echter Maler, der seine Arbeit aus innerem Ansporn, aber auch konzeptuellen Überlegungen in medialer wie inhaltlicher Sicht erweitert hat. Sein fortlaufendes Interesse gilt seiner Umgebung und ihren möglichen Veränderungen, was insgesamt eine nachhaltige Auseinandersetzung mit Natur, Gesellschaft bis hin zu Politik erkennen lässt.


Im Zentrum der Arbeit steht die Malerei, die Brandl seit Jahrzehnten mit unermüd- licher Energie vorantreibt. Wesentlich ist dabei die Gleichzeitigkeit unterschiedlicher Zugänge, den Bildern liegt keine Wertigkeit zugrunde. Brandl geht es um den Malprozess und das Bild an sich, dessen Produktion Intuition und Reflexion, also auch recht schonungslose künstlerische Arbeit gegenüber sich selbst verlangt. Ab dem ersten Pinselstrich ist er auf der Suche nach der Lösung des aktuellen, konkreten Problems, dem fertigen Bild.

Wenn man wie Brandl über Jahrzehnte auf hohem Niveau arbeitet, stellt sich einem immer wieder die Frage des Zeitgeists und der sich kontinuierlich verändernden Sehgewohnheiten, wobei dem Künstler bewusst ist, dass Malerei eine Form der Bildproduktion neben vielen ist, was die Sache nicht leichter macht. Was macht ein (gutes) Bild aus? Dieser zentralen Frage stellt sich Brandl wie ein Matador, ein Stierkämpfer der Malerei, der sich immer wieder neu der Arena stellt. Die Fragen, Anwürfe und Versuchungen kreisen um ihn, er kann sie nur mit einem roten Tuch bändigen, das unter sich ein Florett verbirgt, das den Stoff in Form bringt, ähnlich einem kleinen, beweglichen Bühnenvorhang, der seinen Manövern einen Rahmen gibt. In Bewegung, Konzept und Farbe bringen Leinwand und Pinsel die Lösung — der Stier, das Tier in uns, gibt erschöpft und zufrieden auf. Danach findet er etwas Ruhe. In der Entspannung entsteht eine vage Idee, die in ihm langsam Gestalt annimmt, um schließlich eine neue Herausforderung zu suchen.


Möglicherweise geschehen die wirklich wichtigen Dinge in diesen Ruhepausen, in der Zeit des Nachdenkens und des Überblendens der Ereignisse, die dem jeweils kon- kreten künstlerischen Zugang und der tatsächlichen Produktion konzeptuell voraus- gehen. Die Ausstellung 24/7 (Twenty-four/Seven) geht dem Intermediären in Brandls Werk nach. Seinem letzten Werkzyklus von 2020 aus 24 Monotypien (einmalige Abdrucke von Malerei) wird ein früher Zyklus von 7 Tuschearbeiten in Schwarztönen aus den späten 1980er-Jahren gegenübergestellt, die jeweils Malerei zu sein schei- nen, es aber nicht sind — oder etwa doch? Die Präsentation der sämtlichen noch nicht gezeigten Arbeiten wird in einer mit der spätmodernen White-Cube-Architek- tur des Ausstellungshauses spielenden Hängung gezeigt. Mit 24/7 wird klar, worin Brandls Werk seine Anfänge genommen hat und worauf er sich weiterhin bezieht — auf die Konzeptkunst der 1970er-Jahre und ihre Hinterfragung des Werkbegriffes. Hinter aller vermeintlicher Bildmächtigkeit diverser realistischer oder abstrakter Sujets und ihrer vermeintlich klar lesbaren Bilder liegen Phantasmagorien und Vorstellungen, die unter nicht unerheblichem Aufwand auf die Idee eines Bildes verweisen — was (gute) Malerei und ihre Politik ausmacht.


Die Ausstellung wird von einem umfangreichen Rahmenprogramm begleitet, das Vorträge wichtiger Weggefährten des Künstlers nach Graz bringt. Weiters erscheint ein Katalog bei Koenig Books (London), der neben zahlreichen Abbildungen einen ausführlichen Werktext von Robert Fleck, eine kunsthistorische Einordnung von Christoph Bruckner sowie ein kuratorisches Statement beinhaltet.


Herbert Brandl (*1959 Graz, lebt in Wien) studierte bei Herbert Tasquil und Peter Weibel an der Hochschule für Angewandte Kunst, Wien. Von 2004 bis 2019 war Brandl Professor an der Kunstakademie Düsseldorf. Seine Arbeiten waren unter anderem auf der Biennale de Paris (1985), Bienal internacional São Paulo (1989), Documenta IX (1992), in der Kunsthalle Basel (1999), der Neuen Galerie im Künstlerhaus Graz (2002), den Deichtorhallen, Hamburg (2009) und der Albertina, Wien (2011) zu sehen. 2007 vertrat Brandl Österreich auf der Biennale di Venezia.


— Kurator: Sandro Droschl

Künstlerhaus, Halle für Kunst & Medien, Graz


© Text: Künstlerhaus, Halle für Kunst und Medien, Graz
© Photo: Markus Wörgötter

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