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SONIA LEIMER Owning Awning SONIA LEIMER Owning Awning
Ausstellung
SONIA LEIMER Owning Awning
Ausstellungsdauer
26 JUN – 21 AUG 2021
 
Text
Wie kann durch alltägliche Interaktion der Aufbau von gesellschaftlichen Netzwerken in einer urbanen Struktur funktionieren? Wodurch werden soziale Räume geschaffen, und von wem wird über ihre zeitliche und funktionale Nutzung bestimmt? Sonia Leimers aktuelle Arbeiten machen das „soziale Kapital” einer Stadt, wie es bereits in den 1960er-Jahren von der Urbanistin und Aktivistin Jane Jacobs formuliert wurde, sichtbar. Mit ihrer vierten Einzelausstellung in der Galerie greift sie Ideen zu Stadtentwicklung und direkter Demokratie auf – gesellschaftsrelevante Themen, die heute gegenwärtiger denn je sind. Die zentralen Fragen, wer den städtischen Raum besetzt und welche Handlungsspielräume möglich sind, werden durch Sonia Leimers Werke auf poetische Weise erfahrbar.

Die Galerieräume fungieren als Ort der Verdichtung urbanen Lebensraumes: Fünf großdimensionierte, freistehende Objekte an der Schnittstelle von Skulptur und Architektur bilden gleichsam eine Art Parcours, der durch die ersten beiden Räume der Galerie führt. Auf jeweils drei Betonstützen und Stangen errichtet, spannen sich über Kopfhöhe Formkonglomerate, die an Baldachine erinnern. Geometrische Konstruktionselemente aus festem Acrylstoff und PVC werden von der Künstlerin zu Überdachungen zusammengefügt, die jenen Markisen (Awnings) gleichen, die als kleine Vordächer vor Geschäftsläden oder Häusern angebracht sind. Diese öffentlichen Räume laden zum Verweilen ein und sind kurzzeitig benutzbar: als Schutz vor Sonne, als Unterstand während des Regens oder als Ort für eine kurze Pause. Jeglichen örtlichen und funktionalen Kontexten entzogen, treten die eigenwilligen Objekte von Sonia Leimer als Stellvertreter auf, die einen territorialen Anspruch in der Galerie markieren und gleichzeitig einen sozialen und architektonischen Raum eröffnen. Die Besucher*innen werden durch ihre Interaktion zu Flaneur*innen, die sich den Raum aneignen und temporär besetzen. Die Awnings, so der Titel der installativen Werkgruppe, definieren eine spannungsreiche Grauzone von Innerem und Äußerem, von öffentlicher und von individueller Inbesitznahme.  

Der temporären Aneignung und Inbesitznahme von städtischem Raum geht Sonia Leimer in ihrer Arbeit Sharpen nach, die aus einem Video und mehreren von der Künstlerin angefertigten Zeichnungen besteht – Abbildungen ephemerer Situationen aus dem urbanen Raum, die sie während ihres Aufenthalts in New York festgehalten hat. Das Video verdichtet sich zu einem collagenartigen Portrait des Stadtbewohners Chung Man Keung, der in New York City als Messerschleifer, Schuster und Zeichner gearbeitet hat. Von seiner Existenz zeugen in den dokumentarischen Handyaufnahmen nur mehr Überreste seiner Papierarbeiten, die er an den grauen Außenwänden eines Gebäudes installiert hatte. Wir hören in dem Video, wie Eugenia Lai, eine in New York lebende Freundin der Künstlerin, von vergangenen Besuchen bei dem alten Mann erzählt, der plötzlich verschwunden zu sein scheint. Eingeblendete Zeichnungen erinnern an das nun verloren gegangene künstlerische Werk Chungs, der seine Sujets in Tageszeitungen fand und kopierte. Anhand der individuellen Darstellung einer prekären Arbeits- und Lebenswelt gelingt es Leimer einprägsam von Strukturwandel und einem lebendigen nachbarschaftlichen Gefüge zu erzählen. Ihre Installation schärft unsere Wahrnehmung dafür, wie brüchig und diffizil existenzielle und ökonomische Bedingungen im urbanen Bereich sein können und wie individuelle Lebensräume, die mithin das „soziale Kapital“ einer Stadt ausmachen, oft über Nacht weggewischt werden, um, ohne sichtbare Spuren hinterlassen zu haben, schließlich ganz zu verschwinden.
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