Unter dem Titel Spoils are fetched from wars unseen, leashed to glitter, trained to gleam [Die Beute unsichtbarer Kriege wird herbeigeschafft, an die Leine gelegt um zu glänzen, und trainiert um zu strahlen], versammelt die Ausstellung einen Rückblick auf ein Jahrzehnt von Miao Yings malerischem Schaffen.
Die in China geborene und aufgewachsene Künstlerin wurde von Kindheit an in den Traditionen des Sozialistischen Realismus, insbesondere in Zeichnung und Ölmalerei, ausgebildet. In China wird der Eintritt in eine Kunstakademie nicht durch ein Portfolio, sondern durch standardisierte Zeichen- und Malprüfungen entschieden. Malerei ist daher sowohl ein untrennbarer Teil von Miao Yings Lebens als auch eine Fähigkeit, die sie innerhalb eines klar definierten Systems erlernte. Diese Erfahrungen staatlicher Lenkung spiegelt sich in den kritischen Beobachtung ihrer Werke gegenüber Technologie und Politik wider und ist zu einem wesentlichen Bestandteil von Miao Yings Praxis geworden.
Von der Serie Effect, über Training Landscapes, bis hin zu Glorious Magic – Trained, beziehen sich ihre Werke nie auf die Natur oder einzelne Sujets. Sie sind vielmehr digitalen Bilddatenbanken entnommen: Photoshop-Beleuchtungsvoreinstellungen, vorgefertigte Effekte aus Videospielen und visuelle Effekte, die im Zuge des Trainings von KI-Systemen und ihrer Einsätze in digitalen Kampfwelten freigeschaltet werden. Der technologische Kampf selbst ist eine Blackbox, sichtbar ist allein sein Feuerwerk. Diese Effekte waren lediglich als unterstützende Elemente gedacht – Licht, um ein Motiv zu betonen, Landschaften als Kulissen für eine Heldenreise – und doch tragen sie in großem Ausmaß dazu bei, mit welcher Vorstellung von „Bildern“ wir alltäglich konfrontiert werden. Miao Ying transformiert diese beilläufigen Effekte zu bildgebenden Protagonistin und malt jedes einzelne von Hand. In der Serie Effect kopiert sie in jedem Detail die an realistische Darstellungen angelehnten Computereffekte. So entsteht das Paradox, dass eine Künstlerin, die in den formalen Vorgaben des Sozialistischen Realismus geschult wurde, die visuellen Effekte einer Maschine mit der Hand reproduziert.
In Training Landscapes dienen digital verzerrte Landschaften, die während des Trainings eines Deep-Learning-Modells in einer Game-Engine entstehen, einem zweiten KI-System als Ausgangsmaterial. Dieses erzeugt daraus neue, von ihm „imaginierte“ Bilder. Miao Ying malt diese Bildwelten von Hand und baut sie in Glasurschichten auf. Jedes Gemälde trägt den Titel eines gereimten Gedichts, das mithilfe von GPT, einem KI-basierten Textgenerierungsprogramm, verfasst wurde.
In Miao Yings Werken treffen zwei entgegengesetzte Prozesse aufeinander: Ein Mensch muss das Erlernte verlernen, um selbst schöpferisch tätig zu werden; eine Maschine hingegen muss trainiert werden, um schöpferisches Handeln zu simulieren. Die Ausgebildete und die Trainerin überlagern sich auf einer Leinwand. Wie der Ausstellungstitel andeutet, ist der unsichtbare Krieg auch ein Kalter Krieg, der mit unseren Daten als Munition geführt wird; Auf die Fragen, wer die Beute holt, wer angeleint und wer darauf trainiert ist zu glänzen, bietet die Leinwand keine abschließende Antwort.