Das Kulturministerium, Bradesco und das Instituto Tomie Ohtake präsentieren Sheila Hicks – Was ist das?, eine Ausstellung, die der US-amerikanischen Künstlerin Sheila Hicks (Nebraska, USA, 1934) gewidmet ist. Hicks zählt international zu den bedeutendsten Künstlerinnen, die die Möglichkeiten textiler Techniken in der zeitgenössischen Kunst erweitert haben.
Die Ausstellung erstreckt sich über zwei Säle des Instituts und vereint eine umfangreiche Auswahl an Werken, die über einen Zeitraum von mehr als sechs Jahrzehnten entstanden sind. Zu sehen sind historische Arbeiten, neuere Werke sowie eine eigens für die Ausstellung konzipierte, bislang unveröffentlichte Installation.
In engem Dialog mit Hicks entwickelt, verfolgt die Ausstellung ihre Auseinandersetzung mit dem Faden als Material, Struktur und Denkform. Ihre künstlerische Praxis überschreitet dabei die Grenzen zwischen Malerei, Skulptur, Design und Textilkunst. Gezeigt werden rund 30 Werke aus den vergangenen sechs Jahrzehnten, darunter kleine Webarbeiten, Reliefs, Skulpturen und Installationen im architektonischen Maßstab. Ergänzt wird die Ausstellung durch Fotografien, die die Künstlerin gemeinsam mit dem chilenischen Fotografen Sergio Larrain während Reisen durch Lateinamerika Ende der 1950er-Jahre aufgenommen hat, sowie durch eine Auswahl andiner Textilien, die für die Ausbildung und Entwicklung von Hicks’ künstlerischer Praxis von grundlegender Bedeutung waren.
Der Titel Whati s that? greift eine Frage auf, die der damalige Professor Josef Albers der jungen Sheila Hicks während ihres Studiums an der Yale University in den USA stellte. Als er seine Studentin dabei beobachtete, wie sie an einem improvisierten Webstuhl experimentierte, fragte Albers: Whati s that, girl? („Was ist das, Mädchen?“). Diese Frage wurde zum Ausgangspunkt einer künstlerischen Untersuchung, die Hicks seitdem durch ihre gesamte Laufbahn begleitet. Über den Titel der Ausstellung hinaus fasst die Frage eine künstlerische Haltung zusammen, die von Experimentierfreude, Neugier auf unterschiedliche Herstellungsweisen und der Weigerung geprägt ist, das eigene Schaffen starren Definitionen zu unterwerfen.
Neben großformatigen Arbeiten wie The Soft Side of My Nature und der umfangreichen Installation Aprentizaje de la Victoria zeigt die Ausstellung auch einige Exemplare der Minimes – kleine Webarbeiten, die Hicks seit Beginn ihrer künstlerischen Laufbahn anfertigt. Die ersten entstanden auf improvisierten Webstühlen aus Malereirahmen und dienten als Experimentierfeld für Materialien, Farben und Techniken, die sie in präinkaischen Textilien beobachtet hatte. Dieselbe Aufmerksamkeit für Farbe, Textur, Dichte und die Anordnung der Fäden findet sich auch in ihren monumentalen Arbeiten wieder. Dort verwandelt die Vervielfachung einzelner Elemente einzelne Linien in Volumen, die in unmittelbare Beziehung zum menschlichen Körper und zur Architektur treten.
Zu den ausgestellten Arbeiten gehören außerdem die Lianes, eine Serie, die Hicks seit den 1960er-Jahren entwickelt. Sie besteht aus langen, frei im Raum hängenden Schnüren aus Fasern. Je nach Ausstellungsort nehmen die Arbeiten unterschiedliche Formen und Konfigurationen an. Der Faden ist hier nicht mehr an das Gewebe gebunden, sondern gewinnt an Stärke, Gewicht und Ausdehnung. Dadurch entstehen Beziehungen zur Schwerkraft, zur Architektur und zur Bewegung des Körpers im Raum.
Hicks’ Verbindung zu den textilen Traditionen Amerikas zeigt sich auch in einer Gruppe andiner Textilien, die dem Museu de Arte de São Paulo Assis Chateaubriand (MASP) im Rahmen des MASP Landmann Loan Agreement vorübergehend zur Verfügung gestellt werden. Das Interesse der Künstlerin an diesen Objekten begann bereits während ihrer Ausbildung an der Yale University und erhielt ab 1957 eine neue Dimension, als sie durch verschiedene Länder Südamerikas reiste und archäologische Sammlungen, historische Stätten und Orte besuchte, an denen Webtraditionen noch lebendig waren. Die aus unterschiedlichen Epochen und Regionen der Anden stammenden Textilien verdeutlichen die Vielfalt der Techniken, Materialien, Größenordnungen und Funktionen, denen Hicks begegnete und die zu einer kontinuierlichen Referenz für ihre künstlerische Forschung wurden.
Parallel zur Ausstellung im Instituto Tomie Ohtake präsentiert die Nara Roesler São Paulo ab dem 29. August die Ausstellung Autobiografia de um fio (Autobiografie eines Fadens), kuratiert von Luis Pérez-Oramas, dem künstlerischen Leiter der Nara Roesler Gallery. Gezeigt werden mehr als zwanzig aktuelle und bislang unveröffentlichte Arbeiten von Sheila Hicks, die seit 2017 entstanden sind und die unterschiedlichen Formen und Gattungen ihres Schaffens umfassen. Gemeinsam bieten die beiden Ausstellungen dem Publikum unterschiedliche, sich ergänzende Perspektiven auf das Werk von Sheila Hicks. Begleitend erscheint eine gemeinsame Publikation des Instituto Tomie Ohtake und von Nara Roesler Books.